Kattugla hat geschrieben:*grinsel*
Auf einer meiner "Reisen" hatte ich eine lustige Erfahrung:
Es ist ein gravierender Unterschied, ob ich schwimmen kann oder nicht.
Bei der Option "nicht" bin ich Opfer der Umstände, lasse mich (ist jetzt keine Wertung drin, ich meine das im Wortsinne) treiben. Ich hole mir unter Umständen eine Menge blauer Flecken im Wildwasser, kann mir aber immer bewußt sein, daß ich an der Mündung des Flusses ankomme.
Wenn ich schwimme, bin ich zwar nach wie vor angewiesen auf die Umstände (Stromschnellen, Steine, Mäander...), bin aber selbst in Aktion und kann entscheiden, ob ich z.B. ans Ufer schwimme und mir eine Auszeit gönne oder ein paar Züge mehr einlege, um schneller voranzukommen.
Dazwischen liegt: Entscheidung.

Hallo Kattugla,
da hast Du was geschrieben... was sich für mich so wahr anfühlt und mich gleichzeitig wahnsinnig macht. Das mit der Entscheidung... ist genau der Punkt, an dem ich gerade bin in meinem Prozess, und so schreib ich mal wieder was langes persönliches hier, lesen auf eigene Gefahr
Ich hab letztes Jahr ein Lied geschrieben, was gut hier reinpasst, es heisst „The river/Der Fluss“. Übersetzt geht es etwa so:
Ins Leben geworfen, in einen Fluss, der mich verlässlich zum Meer trägt
zitternd vor Angst, da ist kein Boden unter meinen Füssen, ich werde ertrinken, rettet mich!
Doch niemand hört mich, so greife ich nach allem, was ich kriegen kann
schnappe mir einen Zweig, verbinde mich mit dem Ufer, ich werde für immer sicher sein
Ich bau einen Damm, sammle Treibgut, das vorbeiströmt, greife nach Händen, lasst mich nicht sterben!
In meiner Verzweiflung muss etwas Verlässliches dasein, Zeit und Raum, du und ich
doch der Fluss fliesst schneller, ich verliere meinen Halt, der Sturm zerstört meinen Schutz, ich treibe weg von allem, was mir Sicherheit gegeben hat und ich ertrinke in dieser Welle
Meine Augen sehen noch, meine Ohren hören noch, eine Kraft atmet mich während ich im Strom treibe
Ich bin noch am Leben, immer noch im Fluss, der mich verlässlich zum Meer trägt
ich beginne, mich zu entspannen und mich zu ergeben, das Leben ist ständige Veränderung
und eine Sicherheit kommt mit dem Fliessen: dass ich schwimmen kann wenn ich loslasse
Oft hab ich den Eindruck dass das Leben/das Schicksal/was auch immer nur eine Botschaft an mich hat, und die lautet: schwimm, du kannst es. Schwimmen im wörtlichen Sinne war immer ganz wichtig für mich, nachdem mein Vater mir als Kleinkind meine riesige Angst vor dem Wasser erfolgreich nehmen konnte. Aber da ist ein Widerstand. Ein ganz grosser. Der kommt genau aus der Mitte meiner Seele. Eine Fassungslosigkeit, dass ich schwimmen soll aus eigenem Antrieb. Das kann nicht wahr sein. Dass ich mich dafür entscheiden soll. Dass das Leben von mir diese Entscheidung will. „Ja, wenn...“ kommt manchmal. „Wenn jemand da wäre, der es mir beibringt, in meinem Tempo, ganz langsam, der mich hält und trägt so lange bis ich es wirklich kann, der mich erst dann loslässt... wenn ich ganz sicher nicht untergehe...“ Ich glaub dieser Teil von mir sehnt sich immer noch nach Eltern, die mir zeigen, wie Leben funktioniert, die mir Entscheidungen vorleben, die für sich selbst Verantwortung übernehmen. Die selber schwimmen und es mir zeigen. Und ich/Verstand... ich versuche mein Leben lang, diesen Teil von mir in die Entscheidung hineinzuzwingen... Du kannst schwimmen, tu es doch, entscheide dich dafür! Denn ich/Verstand WILL schwimmen. Und zwar mit dem Strom, nicht mehr dagegen, so wie früher. Mit meiner ganz persönlichen Strömung.
Das ist ein Konflikt, der mich innerlich zerreisst. Schon ganz lange. Dieses Wollen mit dem Verstand, und dann diese wenigen heiligen Momente, wo ich wirklich Zugang habe zu den Tiefen meiner Seele, meiner Gefühle, meiner inneren Mitte... wo ich dann diese Fassungslosigkeit spüre bei der Vorstellung, dass ich tatsächlich schwimmen soll, selber, allein... ja zum Leben sagen... eigenverantwortlich... absolut unvorstellbar.
Und so reisst mir das Leben immer wieder all meine Sicherheiten weg, ertränkt mich in Wellen, ich glaube jedesmal, dass ich sterbe, und wenn der Sturm vorbei ist, stelle ich fast entsetzt fest, dass ich immer noch lebe, den Kopf über Wasser, und wieder vor der gleichen Entscheidung stehe.
Ich weiss im Moment nicht mehr, was richtig ist. Dem Teil nachgeben, der so dringend loslassen und in die andere Welt gehen will, der es einfach nicht fassen kann, dass Gott, die Welt, das Leben von mir verlangt, dass ich schwimme, oder weitermachen mit dem Teil von mir, der leben und schwimmen will? Und es auch kann, allerdings unter Verleugnung und Abspaltung fast aller Gefühle... Ich hab die halbe Nacht vom Ertrinken geträumt, immer tiefer sinken... bis ich irgendwann die Augen aufriss und den Meeresboden unter mir sah... auf der Stelle aufwachte... da ist Boden, aber ich kann dort nicht atmen.
Es gibt keine Zufälle, dass ihr hier jetzt ausgerechnet 2 Threads mit Fluss und Fliessen am Laufen habt...
Mein Lied sagt, ich komme auf jeden Fall ans Meer, egal wie sehr ich mich am Ufer festhalte, mich mit Treibgut treiben lasse, in Wellen ersaufe und wieder auftauche... egal wie sehr ich mich dagegen wehre, im Fluss zu sein... ein bisschen wie in der Astrologie, wo wir auf jeden Fall immer bei unserem MC ankommen... nur wie der Weg aussieht und welche Wege wir gehen, das ist uns überlassen... ich hätt‘s gern einfacher. Vielleicht gibt es ja einen Weg, der einfacher ist, und wo ich diesen Kern meiner Seele nicht zu der Entscheidung verdonnern muss, selber zu schwimmen. Ganz davon abgesehen kann ich dem Kern meiner Seele keine Verstandes-Entscheidung aufzwingen, nur weil ich es gerne so hätte. Vielleicht ist da auch ein bisschen Demut vor meinem Schicksal angesagt... vielleicht gibt es ja was, was mich trägt?
Danke für die Denkanstösse und fürs Lesen
Sheelara